ökumenischer Revisionismus!

 oder:

Reformation: Luthers Ablassthesen kommen unter die Lupe




"Ökumene-Institute wollen in einem internationalen Projekt Luthers Ablassthesen unter die Lupe nehmen."


so heißt es in einer epd-Meldung. Dass es sich bei der Lupe nicht lediglich um ein reines Vergrößerungsglas, das die Feinstrukturierung der damaligen Vorgänge transparent macht, handelt  sondern um eine "Zauberlinse", die hinlänglich Bekanntes als revisionsrelevantes Faktenpaket aufbauscht und andere Fakten unsichtbar macht, so könnte bzw. müsste man kritisch formulieren.


Doch der Reihe nach.
Es geht den Instituten darum zu "untersuchen, warum die 1517 veröffentlichten 95 Thesen zur Spaltung der abendländischen Kirche führten"


Hier ist das Urteil quasi schon vorweg genommen. Man unterstellt, dass es Luthers Thesen und nicht die Mißstände des römischen Katholizismus waren, die zur Spaltung führten. Diese Positionierung ist schon eindeutig römisch-katholisch und hat mit einem gesunden ökumenischen Anliegen nichts zu tun.

"Ziel sei nicht die Erarbeitung eines ökumenischen Konsenstextes. Das historische Projekt steht den Initiatoren zufolge dennoch im engen Zusammenhang mit den ökumenischen Bemühungen, die gegenseitigen Lehrverurteilungen der Kirchen aufzuarbeiten. Die Überwindung der Spaltungen innerhalb der Christenheit stehe daher im Vordergrund."

so heißt es weiter in der Meldung. Auch diese Aussage suggeriert, dass die damaligen Vorgänge eine einheitliche Christenheit "gespalten hätten". Auch hier wird die traditionelle Sichtweise des römischen Katholizismus einfach vorausgesetzt. Die Gegenthese würde lauten, dass durch eindringenden falschen Lehren der Papstkirche die "Christenheit" vom Christentum so weit entfernte, dass es ein "frommes Heidentum" wurde und die Reformation dafür sorgte, dass es überhaupt noch so etwas wie "Christentum" gab.
Davon abgesehen hat es mit einer gewissenhaften Analyse wenig gemein, wenn man ein ideelles Anliegen dabei (methoidsch?) in den "Vordergrund" stellt. Wenig vertrauenserweckend.

Weiter heißt es:

Zu den ökumenischen Erfolgen der vergangenen Jahre habe in erster Linie ein über viele Jahrzehnte geführter, historisch und
theologiegeschichtlich angelegter Diskurs über Ursache, Verlauf und Wirkung der Reformation beigetragen, erklärten die Theologieprofessoren Wolfgang Thönissen (Paderborn) und Theodor Dieter (Straßburg): «Das Ergebnis ist deutlich: Es kann das gemeinsame Urteil gefällt werden, dass die Spaltung nicht in die Wurzel des gemeinsamen christlichen Erbes eingedrungen ist.» Diese Einsicht müsse freilich immer wieder neu eingeholt werden. "


Da braucht man auch sicher Jahrzehnte im umtriebigen ökumenischen Diskurs, dass man die Dinge wegdebattiert bekommt, die früherern Generationen so offensichtlich waren, und nun erklärt, dass der nackte Kaiser doch ein wunderschönes Kostüm besitzt. Diese Blindheit hat man nicht ein für allemal in der Tasche, so man sich diese "Einsicht" (!) "immer wieder neu" einholen.
Um welche "Einsicht" handelt es sich? Um die "
dass die Spaltung nicht in die Wurzel des gemeinsamen christlichen Erbes eingedrungen ist." 
Diese Formulierung  und die damit verbundene "Einsicht" ist aber entweder inhaltslos oder falsch. Inhaltslos ist sie dann, wenn man in der Wurzel etwas "formal Christliches sieht". Dann kommt man zwar zu dem Ergebnis, dass es historisch mehr "Gemeinsamkeiten als Gegensätze" gibt, kann aber nicht deutlich machen, was das mit dem Wort "Wurzel" (als tragendes und lebensspendendes Element) zu tun hat. Die Aussage der Reformation war jedoch, dass die Wurzel der Papstkirche falsch ist bzw. faul geworden ist.  

Im folgenden erklärt man dann:

"Luthers Ablassthesen seien ursprünglich Disputationsthesen für die Diskussion, keine dogmatischen Sätze, hieß es weiter. Sie dienten der Klärung von Streitfragen. Die Thesen seien nicht gegen den Ablass als solchen, sondern gegen dessen Missbrauch gerichtet. «Sie verdanken sich dem seelsorgerlichen Anliegen, das Luther in der damaligen Ablasspraxis erspürte», betonten die Institute. Zentrales Motiv der Ablasskritik Luthers sei die Sorge um das Wort Gottes im Zeugnis der Heiligen Schrift.
Unter Ablass versteht die katholische Kirche den Erlass von Sündenstrafen, die auf Erden oder nach römischer Lehre sogar nach dem Tod im Fegefeuer abzugelten sind. Mit dieser Lehre unterscheidet sich die römisch-katholische Glaubenslehre wesentlich vom Protestantismus. Die Reformation im 16. Jahrhundert entzündete sich vor allem an der Kritik Martin Luthers (1483-1546) an bizarren Formen der Ablasspraxis der damaligen Kirche."

Hiermit sagt man lediglich schon hinlänglich Bekanntes, suggeriert aber damit im  Kontext der Meldung, dass der erste Anlass für das Wirken Luthers zur Zeiten der Reformation auch der wesentliche Grund für die Reformation gewesen sei.

Dem entgegen zu halten ist, dass Luther anfänglich auf -wie er dachte ÄUßEREN Schimmelbefall an einer Wand des Kirchengebäudes aufmerksam gemacht hat. Dann fing es an, an dem Schimmel zu kratzen, weiterzukratzen und tiefer zu kratzen,um feststellen zu müssen, dass das ganze Gebäude bis ins Fundament derart befallen ist, dass man es nur noch für den Abriss freigeben kann.
Zu reformieren war da nichts mehr. Es musste eine Reformation her.

Es entspringt unserem modernen Zeitgeist, diese Gegensätze einzuebnen, und heute die Abwehr von Götzendienst und Irrlehre, die die Reformation leistete mehr oder weniger als "einen unglücklichen Irrtum" zu präsentieren. Das hat mit Ökumene nichts zu tun, sondern ist lediglich die Übernahme der römisch-katholischen Sichtweise.

 

 

 

 

1.10.08 20:06

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